Lügenpresse?

Der Begriff

Rechtspopulistische Kreise haben den Begriff „Lügenpresse“ vor einigen Jahren adoptiert. Gemeint sind damit hauptsächlich die linken bzw. liberalen Medien oder auch die öffentlich-rechtlichen Medien.

Wie sich die Zeiten ändern: Für mich als West-Berliner war zu Mauerzeiten die Lügenpresse klar verortet: Die National-Zeitung als verlängerter Arm der NPD und „Die Wahrheit“ als Presseorgan der SEW (analog zur SED im Osten). Warum hatten nun Sprachwissenschaftler „Lügenpresse“ zum Unwort des Jahres 2014 erhoben? Die Jury-Vorsitzende Nina J.: „Eine solche pauschale Verurteilung verhindert fundierte Medienkritik und leistet somit einen Beitrag zur Gefährdung der für die Demokratie so wichtigen Pressefreiheit.“

Der Begriff hat Historie: Er wird schon über 100 Jahre verwendet, und Adolf Hitler schrieb 1922: „Für die Marxisten gelten wir dank ihrer Lügenpresse als reaktionäre Monarchisten“.

Objektivität – ein Exkurs

Man kann definieren, dass Objektivität die unvoreingenommene und vorurteilsfreie Feststellung und Verarbeitung von Tatsachen ist. Damit ist man in Gesellschaft diverser Wissenschaftler.

Von dem Philosophen John Locke stammt andererseits die folgende Versuchsbeschreibung: Es werden drei Gefäße aufgestellt. Links wird kaltes Wasser eingefüllt, rechts ziemlich heißes. Das mittlere Gefäß wird hälftig mit kaltem und ziemlich heißem Wasser gefüllt. Zwei Hände eines Menschen werden zunächst links und rechts eingetaucht und nach einiger Zeit schließlich gleichzeitig in das mittlere Gefäß. Die linke Hand empfindet das Wasser als warm, die rechte Hand empfindet das Wasser als kühl. Der Mensch empfindet also das Phänomen Wassertemperatur subjektiv.

Daher bemüht man sich in der Physik um objektive Messungen mittels zuverlässiger Messgeräte. Aber selbst dann gibt es „Nebenwirkungen“: Führe ich ein kaltes Thermometer in heißes Wasser ein, so ist es logisch, dass mit dem Ablesen der Temperatur gewartet wird, bis das Thermometer die Temperatur des umgebenden Wassers angenommen hat. Man kann allerdings leicht übersehen, dass es sich in Wirklichkeit um ein Angleichen der Temperaturen handelt, indem dem zunächst kühlen Thermometer Umgebungswärme zugeführt wird. Im Ergebnis ist das heiße Wasser nicht mehr so heiß wie vorher, man misst also ein verändertes System. Ähnlich verhält es sich, wenn man in einem elektrischen Stromkreis die Stromstärke messen möchte. Man benötigt die Einfügung eines entsprechenden Messgeräts. Aber mit der Einfügung wird auch hier das System verändert, denn (auch) das Messgerät hat einen Widerstand, und somit gibt das Gerät eine Stromstärke an, die nicht ganz der „eigentlichen“ Stromstärke entspricht.

Objektivität der Medien

Betrachten wir nun das System Gesellschaft. Medien kann man als Messgeräte des Gesellschaftssystems verstehen. Nehmen wir zum Beispiel die Messgröße Gerechtigkeit. Gemessen wird durch Menschen, mit Interessen und Wertideen, individueller Sozialisation und individuellen Lebenserfahrungen. Wir haben es folglich mit „Messungen“ zu tun, die der Objektvitätsdefinition nicht gerecht werden. Die Voreingenommenheit und Vorurteilsbehaftung von uns Menschen macht das Handeln der Medien zu einem klar subjektiven Prozess.

Nun wird deutlich, dass der Begriff „Lügenpresse“, egal ob er von linken oder rechten Gruppen verwendet, aus Vernunftperspektive unsinnig ist, denn Medien können durch ihre Propagandisten grundsätzlich immer nur subjektive, interessengeleitete bzw. erfahrungsgeleitete „Wahrheit“ produzieren. Der Begriff ist nicht mehr und nicht weniger als ein ideologischer, politischer Kampfbegriff, um bestimmte Menschengruppen zu diffamieren. Liebe Leser, ich finde, wir sollten nicht auf solche Propagandamethoden hereinfallen.

Einseitiges Lesen und vorschnelles Urteilen ist nicht weise

Ich kenne einige Leute, die meines Erachtens vorschnell Nachrichten verbreiten. Schon öfters hat sich herausgestellt, dass die Nachrichten keine Primärquellen besaßen, zum Teil nicht der Wahrheit entsprachen oder veraltet waren, aber als aktuell präsentiert wurden.

Bei Medienberichten aller Art bemühe ich mich darum, eine kritische Distanz einzunehmen und Darstellungen nicht gleich zu übernehmen, sondern im Zweifelsfall mehrere Medien zu vergleichen (z.B. nicht WELT oder Frankfurter Rundschau, sondern WELT und Frankfurter Rundschau; nicht FOCUS oder Spiegel, sondern FOCUS und Spiegel). Das gilt für die öffentlich-rechtlichen Medien genauso wie für Youtube-Kanäle.  Ich will mich nicht durch mein Leseverhalten oder meinen Medienkonsum vor einen bestimmten Karren spannen lassen. Denn kein Mensch, also auch kein Medium, berichtet objektiv.

Liebe Leser, ist es nicht eine spannende Aufgabe wahrzunehmen, dass verschiedene Medien über das gleiche gesellschaftliche Phänomen, das gleiche „Gefäß warmes Wasser“ zum Teil sehr unterschiedlich berichten? Es lohnt sich durch eigenes Nachdenken und ergänzende Gepräche im Freundes- oder Familienkreis Schlüsse zu ziehen!

 

Der Ochse und der Karren

Eine gute Nachricht: Am 13. Oktober 2018 soll in Berlin für eine offene und freie Gesellschaft demonstriert werden, die Solidarität statt Ausgrenzung lebt. Das klingt gut, und es gibt viele Organisationen, die mitziehen, unter anderem AMNESTY INTERNATIONAL und die Diakonie Deutschland. Es soll ein Zeichen gegen Rassismus gesetzt werden.

Mir ist wichtig, vor welchen Karren ich mich spannen lasse. Und da zeigt sich, dass der Initiator und Veranstalter der Rechtsanwalt Lukas Theune ist. Herr Theune ist Mitglied beim Verein Rote Hilfe e.V.. Die Verfassungsschutzämter von Bund und Ländern ordnen die Rote Hilfe als linksextremistische Organisation ein und werfen ihr die Unterstützung von Gewalttätern vor.

Was nun? Hingehen oder wegbleiben? Ich persönlich möchte mich nicht vor einen linken Karren spannen lassen. Wenn ich das aber nicht mache, dann sehe ich mich in der Pflicht einen anderen Karren zu suchen oder zu bauen, um als „Ochse“ meiner Bestimmung nachzukommen. Denn auch ich möchte Zeichen gegen Rassismus und Ausgrenzung setzen und mich für ein solidarisches, offenes und freies Deutschland einsetzen…

WER SIND DIE TOTENGRÄBER DER DEMOKRATIE?

Herausbefördert

Rauf und runter wurde in den Medien der „Fall Maaßen“ diskutiert.  Am 17.9. war dann in den Medien zu lesen und zu hören: Maaßen wird abgelöst – und zum Staatssekretär befördert. Nicht nur bei mir stellte sich Fassungslosigkeit ein. Im August 2018 erwähnte ich den historischen Tiefststand der  CSU.  Aber es geht noch tiefer: nach neuesten Umfragen liegt die CDU/CSU bundesweit mittlerweile unter 30%, und die AfD ist dabei die SPD zu überholen. Nun liegt es nahe und es ist nachvollziehbar angesichts des Schmierentheaters der letzten Tage mit Schadenfreude oder Wut zu reagieren und die eigene Politikverdrossenheit zu hätscheln. Ich finde aber, dass die Vorgänge der letzten Monate in der Regierung eher ein Anlass sein sollten, das wir alle uns neu darauf besinnen sollten, was politische Tugenden sind, die unsere Gesellschaft stabilisieren, und da fällt mir zum Beispiel das Suchen des Gemeinwohls und das Anstreben von Fairness und Gerechtigkeit ein. Es ist traurig, dass die Bürger derzeit regierenden Politikern Vorbild werden müssen. Traditionell hofft man auf eine umgekehrte Situation.

Ein radikales Ausweichen nach links oder rechts ist keine Lösung, denn dann sägen wir an dem Ast, auf dem wir selber sitzen: dem Rechtsstaat. Eine solche Entwicklung zum erbarmungslosen Unrechtsstaat hatten wir schon mal Anfang der dreißiger Jahre. Dann wird das Volk durch Radikalisierung zum Totengräber der Demokratie. Schlimm genug, dass derzeit absurderweise einige Regierungspolitiker diese Rolle wahrnehmen!

Schlimm, dass es wieder Leute gibt, die auf Demos den Hitlergruß zeigen und schlimm, dass es in Deutschland mittlerweile vier antisemitische Straftaten  pro Tag gibt. Da muss der Staat hart und streng reagieren, und wir sind aufgerufen zu Zivilcourage!